Anleitung für das mehrstimmige SpielAlpenländische Volksmusik ist im Prinzip zweistimmig. Eine Hauptstimme (erste Stimme) führt, eine zweite Stimme begleitet 'darüber' oder 'darunter'. Üblicherweise werden die beiden Stimmen 'parallel' geführt, häufig im Terzabstand, das heißt, dass ein Ton dazwischen ausgelassen wird. Zuerst etwas Harmonielehre, soweit sie für dieses Thema nötig istDas Folgende ist für alle Instrumente wichtig. Manche Teile sind aber besonders für die steirische Harmonika gemeint. Es gibt zwölf Dur-Tonarten, geordnet nach dem Quartenzirkel oder nach dem Quintenzirkel:
Auf der Seite www.musiklehre.at sehen Sie den Quintenzirkel etwas anders angeordnet, in Dur und Moll. Das Bild öffnet in einem separaten Fenster. Wenn Sie dieses Fenster schließen, sind Sie wieder hier. Auf der steirischen Harmonika sind die Tonarten so gereiht, wie sie auch in der Volksmusik üblicherweise benötigt werden: Im Quartenabstand, von außen nach innen immer ein Kreuz (#) weniger oder ein Be (b) mehr. Theoretisch sind alle 12 Tonarten möglich, üblich sind A-D-G-(C), G-C-F-(B), B-Es-As-(Des), aber auch viele andere Kombinationen. Etwa besitze ich eine C-F-B-Harmonika zum Zusammenspiel mit der Klarinette und eine A-D-G-C-Harmonika zum Zusammenspiel mit Geigern und zum Singen. Jede Tonart hat ihre eigene Tonleiter,
die aus sieben Tönen besteht,
etwa C-Dur im deutschen Sprachgebrauch (Aber Achtung: Im englischen
Sprachgebrauch wird unser H "B" genannt): Man kann die Töne der Tonleiter auch
mit italienischen Namen bezeichnen (relative
Solmisation), also Für mich ist es leichter, wenn ich die
Töne beziffere, analog den weiter unten erklärten Tonstufen, also Ich führe in der folgenden Tabelle einige Dur-Tonarten als Beispiel an:
Alle weiteren möglichen Dur-Tonarten sind
nach dem gleichen Schema aufgebaut. StufenlehreStellen Sie sich die Tonleiter tatsächlich als Leiter vor, die vom Erdgeschoß in den ersten Stock führt. Diese Leiter hat 7 Stufen, mit der 8. Stufe sind Sie im ersten Stock, auf der nächsten Lage, dort steht wieder eine gleiche Leiter zum zweiten Stock. Jeder dieser Stufen entspricht ein Ton, der höher klingt als der vorherige. Über jedem dieser Töne (jeder dieser Ziffern, Stufen) kann man einen Dreiklang (Akkord) aufbauen, der nach dem Ausgangston benannt wird. Der wichtigste ist der Dreiklang auf der I.Stufe, das ist der Dreiklang über dem 1. Ton der Tonleiter der jeweiligen Tonart, bestehend aus dem 1., 3. und 5. Ton der jeweiligen Tonart. Die in der oben stehenden Tabelle fett gedruckten Töne sind die Dreiklangstöne dieses Tonikadreiklanges, also der I. Harmonie-Stufe, des Dreiklanges über dem 1. Ton, in der Volksmusik auch 'gerade' oder 'glatt' genannt. Dargestellt wird der Tonikadreiklang in vielen Noten mit Großbuchstaben für die Tonart und Kleinbuchstaben für den zugehörigen Begleitakkord, also C (oder c) für C-Dur. Auf der steirischen Harmonika sind in jeder Reihe auf Druck ausschließlich diese Töne vorhanden, in verschiedenen Lagen. Der 5. Ton der Tonleiter ist auf der Harmonika in der mittleren Lage der Gleichton (außer in der äußeren Reihe). Die nächste in der Volksmusik verwendete, genauso wichtige Harmonie-Stufe ist der Akkord auf der V.Stufe, der Dominantseptakkord, eigentlich ein Vierklang, bestehend aus den Tönen 5, 7, 2 und zusätzlich 4 der Grundtonart, er wird in der Volksmusik auch 'verkehrt' genannt. In Akkordeon- oder Gitarrenoten wird er häufig mit einer hochgestellten 7 dargestellt, also in C-Dur G7 (oder g7). Er besteht eigentlich aus 4 Tönen, ist daher kein Dreiklang mehr. Auf der Harmonika ist er auf Zug zu finden. Auch hier ist der 5. Ton auf der Harmonika der Gleichton. Übrigens, der harmonisch unwichtigste Ton in diesem Akkord ist der 2. Ton, dieser wird daher im dreistimmigen Satz häufig ausgelassen. Eine weitere häufig gebrauchte Harmonie-Stufe ist der Akkord über der IV.Stufe, die Subdominante, der Dreiklang über dem 4. Ton. Er besteht aus den Tönen 4, 6 und 1 der Grundtonart. In Noten wird er wie die Tonika mit Großbuchstaben dargestellt, also F in C-Dur. Bei der Harmonika ist er meist auf Druck in der nächstinneren Reihe zu finden. Diese drei Stufen sind Dur-Akkorde. Die weiteren Stufen (II., III. und VI., Dreiklänge über dem jeweiligen Grundton) sind Mollakkorde. Molltonarten sind in der alpenländischen Volksmusik eher selten zu finden, kommen aber doch immer wieder vor. Aber Vorsicht: Einzelne Mollakkorde in einer sonst in Dur stehenden Melodie sollten meist nicht ausharmonisiert, sondern in Dur belassen werden. Der verminderte Akkord auf der VII.Stufe kommt in unserer Volksmusik nicht vor. DoppeldominanteStreng genommen ist die Doppeldominante keine Stufe, sondern ein Wechsel der Tonart mitten im Stück. Mitten in der Melodie, häufig gegen Ende, gilt plötzlich die Tonart der V.Stufe, es wechseln auch die Vorzeichen, und zwar wird ein # mehr oder ein b weniger vorgeschrieben. Meist beginnt dies sogar mit der V.Stufe dieser V. Stufe, daher der Name Doppeldominante. Schluss ist häufig wieder die V.Stufe der ursprünglichen Tonart. Die nächste Melodie beginnt dann oft verkehrt, mit der V.Stufe der ursprünglichen Tonart. Bei der Harmonika ist die Doppeldominante auf Zug in der nächstäußeren Reihe zu finden. Beispiel:
in C-Dur ist die V.Stufe G7. Tonart auf der V.Stufe wäre G, daher
ist die Doppeldominante die D7. Aber bitte nicht mit der II.Stufe
verwechseln, die wäre D-Moll. Sie sehen dies etwa am Erzherzog-Rainer-Marsch. BegleitschemaIn jeder Melodie wechselt die I.Stufe mit der V.Stufe. Mit ganz wenigen Ausnahmen hält die Stufe den ganzen Takt an. Manchmal wird die V.Stufe durch die IV.Stufe ersetzt, häufig im 2. Teil der Melodie. Selten kann die IV.Stufe auch durch die II.Stufe (Moll) ersetzt werden.
die wichtigsten der vielen möglichen Schemata sind
Diese Schemata sind auch mit 4. Stufe möglich, meist erst im 2. Teil
einige wenige der vielen möglichen Abwandlungen dazu
Viele weitere Abwandlungen sind möglich, etwa wechselt bei vielen Polkas (und wenigen Walzern und Ländlern) die Tonart im vorletzten Takt, dieser beginnt gerade, 2. Takthälfte verkehrt, Schlusstakt wieder gerade. Oder die Melodie ist nicht symmetrisch aufgebaut, die erste Melodiehälfte unterscheidet sich auch im Schema von der zweiten. Falls Sie auf der steirischen
Harmonika nach Noten spielen wollen, können Sie nun wieder dort hin wechseln. Wahl der passenden MehrstimmigkeitDie von mir veröffentlichten Noten (und viele andere gedruckte) sind zweistimmig gesetzt mit Akkordbezifferung. Wollen Sie mit mehreren Instrumenten zusammenspielen, spielt einfach ein Melodieinstrument die obere Stimme, ein anderes Melodieinstrument die untere Stimme, ein Begleitinstrument spielt den Nachschlag nach den angegebenen Harmonien, ein Bassinstrument spielt die reinen Basstöne - und schon können Sie mit vier Instrumenten wunderbar zusammenspielen. Näheres gibt es auf meiner Seite "Besetzung". Nachstehend erkläre ich die einzelnen Stimmen. Wenn Sie auf die Notenzeilen klicken, wird eine Midi-Datei geladen, die die Notenbeispiele auf Ihrem Computer erklingen lässt. Die HauptstimmeDas ist immer die Stimme, die mit dem Grundton der jeweiligen Tonart endet, also in C-Dur mit dem C aufhört. Ist dieser Endton der untere Grundton, dann ist meist eine Überstimme, ein Überschlag die richtige zweite Stimme. In welcher Lage sich diese Hauptstimme bewegt, oder in welcher Tonart, ist von der Musiktheorie her egal. Jedoch richtet sich die Wahl der
Mehrstimmigkeit sehr stark nach Ihren persönlichen Vorlieben, es gibt immer
mehrere Möglichkeiten. Überschlag (Oberstimme, 2. Stimme darüber)Zuerst weise ich der Melodie die passenden Stufen zu, wenn nicht schon vorhanden. In den Beispielen ist es das C für die 1. Stufe (in C-Dur) und das G7 für die 5. Stufe. Zu jedem Dreiklangston in der Melodie wird einfach der nächsthöhere Dreiklangston der jeweiligen Stufe gewählt. Die Zwischentöne bewegen sich meist parallel, im gleichen Abstand, häufig kann die ganze Melodie durchgehend oder größtenteils eine Terz höher gespielt werden. Beispielsweise wird eine Melodie mit den Tönen C-D-E begleitet mit E-F-G. Dabei wird aber häufig bei der 5. Stufe der 2. Ton durch den vierten Ton oder durch den unteren siebenten Ton ersetzt, wie bei diesem Beispiel beim vorletzten Akkord. Eine häufig gespielte Sonderform
ist, wenn ein Überschlag gewählt und dieser dann eine Oktave tiefer gespielt
wird. Dadurch ergibt sich der Sext-Abstand (großer Abstand, Untersext). Unterstimme (2. Stimme darunter)Bewegt sich die Hauptstimme in den oberen Regionen einer Oktave, endet sie auch nach oben, am oberen Grundton, dann ist meist eine Unterstimme die richtige zweite Stimme. Bei der gewählten Melodie ist diese Unterstimme aber nicht so günstig, klingt nicht so gut wie die oben angeführten Beispiele. Analog dem Vorstehenden wird für diese zweite Stimme der nächsttiefere Dreiklangston gewählt. Jedoch muss bei einigen Stellen, etwa bei allen Schlussakkorden, auf den Sext-Abstand ausgewichen werden, die Stimmführung ist nicht mehr ganz parallel. Manchmal bewegt sich diese zweite Stimme kaum, bleibt fast auf einem Ton liegen. Das ist ausnahmsweise notwendig, lässt sich manchmal nicht vermeiden. Schöner ist für mich, wenn auch diese Stimme einer Melodie gleicht, sich parallel zur Hauptstimme bewegt. Zu dieser Art, die Unterstimme zu
spielen, habe ich als Beispiel die Ennstaler
Polka gewählt. Sie sehen, die Oberstimme ist die Hauptstimme, endet mit
dem oberen Grundton, die Unterstimme geht parallel im Terzabstand, außer beim
Schlussakkord. Um den Verlauf der einzelnen Stimmen noch deutlicher zu machen,
habe ich zusätzlich ein Blatt mit der ersten
Stimme und eines mit der zweiten Stimme
eingefügt, jeweils mit Bassbezeichnung. Dritte Stimme Javascript funktioniert bei Ihnen nicht? Klicken Sie
hier, um die Noten erklingen zu lassen.Für eine allenfalls gewünschte dritte Stimme gilt das oben gesagte sinngemäß. Jedoch sollten meiner Meinung nach immer Hauptstimme und zweite Stimme richtig gesetzt sein. Dann kann die dritte Stimme dazu kommen und die Lücken im Dreiklang ausfüllen. Die dritte Stimme sollte aber nur selten die oberste Stimme sein (außer bei manchen Jodlern), sollte unter den beiden Stimme gesucht werden oder zwischen erster und zweiter Stimme, wenn diese im Sext-Abstand stehen. Auch zur dritten Stimme habe ich in der Beilage ein Blatt eingeführt am Beispiel der Ennstaler Polka. Die dritte Stimme bewegt sich oft kaum, bleibt fast auf einem Ton liegen. Das ist so, lässt sich kaum verhindern. Eine dritte Stimme hat daher für sich allein oft eine fade, unattraktive Melodieführung. Schon deshalb sollte sie nicht als Oberstimme gespielt werden. Selten gilt das auch für die zweite Stimme. Das ist ausnahmsweise notwendig, lässt sich manchmal nicht vermeiden. Schöner ist für mich, wenn auch die zweite Stimme einer Melodie gleicht, sich parallel zur Hauptstimme bewegt. Im Ohr des Zuhörers klingt am stärksten die oberste Stimme. Daher sollte dies die Hauptstimme oder der erste Überschlag sein. Wird eine dritte Stimme als oberste Stimme eingefügt, deckt sie oft die darunter liegenden Stimmen zu sehr zu und vereinfacht die Melodieführung in ungünstiger Weise, wie auch dieses Beispiel zeigt. Die eigentliche Hauptstimme wird kaum mehr gehört. Vierstimmiger LiedsatzEs gibt in der Alpenländischen Volksmusik im Prinzip zwei Möglichkeiten, ein Lied (oder Instrumentalstück) vierstimmig zu setzen: GegenstimmeZu vielen Melodien passt eine Gegenstimme, eine Stimme, die nicht so viel mit der Hauptstimme zu tun hat, die sich freier bewegt, die allerdings die Hauptstimme unterstützen soll und nicht übertönen oder erschlagen. Sie bewegt sich meist in tieferer Lage unter der Melodie, füllt manchmal die Pausen der Melodie oder gibt in langen Walzertönen den Rhythmus. Oft wird die Gegenstimme erst bei der Wiederholung eingeführt. Zuerst wird die Hauptmelodie gespielt, und erst später kommt die Gegenstimme als zusätzliche Verzierung dazu. Näheres finden Sie auf den Seiten Gegenstimme, Ennstaler Polka Gegenstimme und Gegenstimme im Schnellpolkatakt. GehörschulungEs gibt über die oben angegebenen
Regeln hinaus verschiedenste Arten, ein Stück zu setzen. Einige demonstriere
ich auf der nächsten Seite "Gehörtraining".
Arbeiten Sie die Aufgaben dort durch, dann sollten Sie hören lernen, wie man
manches besser setzen kann. Bassstimme (Wechselbass)Auf der Seite Beispiele Wechselbass habe ich als Beispiel für die Ennstaler Polka in etlichen Tonarten den Wechselbass niedergeschrieben. Auf der Bassgeigenseite habe ich das Prinzip des Wechselbass erklärt.
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Online-Volksmusikschule für alpenländische Volksmusikverfasst von Franz Fuchs aus Klosterneuburg
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